Higgs – Das gottverdammte Teilchen

Wenn Wissenschaft Frieden schafft

 

CMS-Detektor am Large Hadron Collider LHCCMS detector at the Large Hadron Collider LHCAfghanistan, Ägypten, Somalia, Syrien, Israel und bald auch die Türkei? Die Liste der Krisenherde auf der Erde lässt sich endlos erweitern. Ein großer Teil der Welt brennt. Mit Karikaturen, Gedichten, Romanen oder Antikarikaturen wirft sich die intellektuelle Elite dem Chaos entgegen – nur um noch mehr Chaos zu stiften.

Doch während die Großmächte und die, die es gern wären, die Völker irreführen, indem sie ihnen vorgaukeln, Frieden schaffen zu wollen, etabliert sich eine relativ kleine Arbeitnehmergruppe, die ohne es zu wollen, ja, ohne dass sie überhaupt mit dem Anspruch angetreten wäre, der Welt den Frieden zu bringen, in der Friedenspolitik. Mit unterschwelligen Appellen an die Neugier des Homo sapiens, geschickter PR und geduldiger Lobbyarbeit knüpfen sie über den sanften Weg der Kooperation Staaten übergreifend ihre Netze. Ob Glasröhrchenschwinger, Elektronenschubser, Bodenschüttler, Planktonzähler oder welcher Spezies sie auch immer angehören. Alle wissenschaftlichen Projekte sind schon seit Jahrzehnten international ausgerichtet. Teilnehmen kann, wer Qualifikation und Intellekt mitbringt. Hautfarbe, Ethnie, Staatszugehörigkeit und Geschlecht – alles egal. Sie alle arbeiten unter dem Leitbild der international wissenschaftlich übergreifenden Zusammenarbeit.

Ein Beispiel ist der vermutliche Nachweis des Higgs-Bosons. Nach der Verteidigung seines Nachweises hatten wir Journalisten im DESY die Gelegenheiten, die Wissenschaftler zu interviewen. Hierbei ergab sich ein interessantes Gespräch am Rande mit Herrn Dr. Matthias Kasemann, leitender Wissenschaftler am DESY über länderübergreifende Kooperationen. „Die große Herausforderung finde ich ist, dass wir gelernt haben, mit 3.000 Leuten aus der ganzen Welt, koordiniert zusammenzuarbeiten“, so Kasemann erstaunt über die erfolgreiche Kooperation. „Denn wir wissen, dass wir diese großen Anstrengungen nur erbringen können, wenn wir alle zusammenarbeiten. Das ist eine große interkulturelle Leistung.“

Dr. Kasemann verhehlt nicht, dass es manchmal Reibereien zwischen den Instituten gibt. „Der Koordinierungsbedarf ist sehr groß. Jeder kommt mit seiner Motivation, zum Gesamtergebnis beizutragen, jeder muss für seinen Beitrag gewürdigt werden und das ist mit, die größte Herausforderung, zu lernen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen.“

Denn es arbeiten Wissenschaftler auf allen Stufen ihrer Karriereleiter mit. Ein Großteil der Physikergebnisse kommt von Studenten und Doktoranden, die damit ihre wissenschaftlichen Karrieren begründen, und ihre Doktorarbeiten füllen. Doch „die sind wahrscheinlich auch die fixesten, bei der komplexen Materie Computer und Programmierarbeit“, erklärt Kasemann erheitert.

Professoren und Leiter von Arbeitsgruppen versuchen dabei, 20 oder 30 Forscher, am CMS sind es sogar 50 Wissenschaftler in einem Team, so zu koordinieren, dass sie einen Beitrag zum Gesamtexperiment leisten, ohne dass sich die jeweiligen Experimente der Arbeitsgruppen gleichen oder sich gegenseitig behindern.

Doch das sind die kleinsten Einheiten. Das Gesamtexperiment wird von einer zentralen Stelle aus koordiniert. Dr. Kasemann ist gerade auf diesem Gebiet unterwegs. Dabei stimmt er 150 im CMS Experiment weltweit tätige Institute miteinander ab. Hier werden die verschiedenen Aufgaben verteilt, diskutiert, wie die Ergebnisse der Wissenschaftler präsentiert werden, und auch Fragen der Finanzierung geklärt. Das alles ist in einer Verfassung geregelt. Vertreten wird das Gesamtexperiment durch einen Sprecher, der alle zwei Jahre gewählt wird. Bis 2012 kamen alle Sprecher aus Europa, da das CERN-Experiment ein europäisches Projekt ist. Der Sprecher, der im Januar 2012 gewählt wurde, ist jedoch Amerikaner. Es ist das erste Mal, das ein Nichteuropäer diese Rolle übernimmt.

Denn seit über einem Jahr ist es möglich, dass auch außereuropäische Länder Mitgliedsstaaten im CERN werden können.

„Das ist ein Novum, zeigt aber auch, wie global Wissenschaft ist. Und nur, wenn man global an einem Strang zieht, sind solche Anstrengungen möglich. Denn das Ergebnis, das wir gesehen haben (Dr. Kasemann bezieht sich auf die Übertragung der Verteidigung und Vorstellung des Nachweises des Higgs-Bosons im DESY 2012 Anm. der Red.) ist die gemeinsame Leistung von ganz vielen Experten von denen jeder Experte auf einem Gebiet ist. Nur indem man die Expertise aller zusammenfasst, erhalten wir am Ende ein erfolgreiches Ergebnis.“ Und das alles in gesunder Konkurrenz:

„Da stehen wir im Wettstreit mit unserem Konkurrenzexperiment ATLAS. Und am Ende haben beide großen Experimente ein vergleichbares Ergebnis erzeugt“, erklärt Kasemann

CERN wird von den Mitgliedsländern finanziert, deren Beiträge proportional von ihrem Bruttosozialprodukt abhängt. Nichtmitgliedsländer wie die USA, stellen Projektbeiträge bereit. Dabei handelt es sich alles in allem um ein Betriebskostenbudget von vielen Millionen Schweizer Franken. Deutschland zahlt dabei allein etwa 22 Prozent weil es nach seinem Bruttosozialprodukt eines der größten europäischen Länder ist. Deutschland, Italien, Frankreich und England sind die vier großen CERN Mitgliedsländer, die zusammen ungefähr 80 Prozent des CERN-Budgets erbringen. Die anderen 16 Mitgliedsländer teilen sich die restlichen 20 Prozent.

Wissenschaftler, die sich an einem Projekt des CERN beteiligen möchten, müssen eine Expertise über ihre bisherige Arbeit mitbringen. Doch grundsätzlich „kann jeder mitmachen, der sich an dem Aufwand und an der wissenschaftlichen Arbeit beteiligt“, so Kasemann. Um als Autor auf den wissenschaftlichen Publikationen genannt zu werden, muss man sich an den Betriebskosten beteiligen. Die Kosten werden umgelegt. Im CMS Experiment sind das momentan etwa 15.000 Schweizer Franken pro Jahr. Die stellt in der Regel das den Wissenschaftler aussendende Institut. Gleichzeitig muss man zum Gesamtergebnis beigetragen haben. Es wird festgehalten, wer sich mit welchem Anteil an den Aufgaben, wie beispielsweise der Datenauswertung beteiligt hat. Jemand, der nichts tut, würde am Ende nicht wissenschaftlicher Autor der Ergebnisse“, erklärt Kasemann

Manche Mitglieder im CMS Experiment arbeiten mehr auf technischem Gebiet, also Ingenieure. Sie beteiligen sich nicht an der wissenschaftlichen Auswertung, sondern am Aufbau und Betrieb des Detektors. Da sie keine Hochenergiephysiker sind, sind sie nur indirekt am Erfolg des Experiments interessiert. Für sie ist mehr der technische Apparat die Herausforderung und Motivation, um an CER Experimenten teilzunehmen. Sie erscheinen dann aber auch nicht auf den wissenschaftlichen Publikationen.

„Jeder kann dazu beitragen und wir brauchen jeden“, betont Kasemann. „Denn jeder hat eine gewisse Qualifikation und wird mit dieser Qualifikation gebraucht. Es ist eine Herausforderung, die verschiedenen Aspekte zu bearbeiten, da sind wir großzügig und versuchen jeden zu integrieren, mit seiner speziellen Expertise“, betont Kasemann.

Aus Dr. Kasemanns Aussagen ist auch eine gewisse Demut und Dankbarkeit herauszuhören, wenn er darauf hinweist, dass wir „stolz (sind), dass wir ein Stückchen weiter gekommen sind. Das ist eines der letzten Puzzleteile, das wir jetzt gefunden haben. Denn es ist ein großer Luxus, Physiker sein zu können und an so einem Grundlagenexperiment mitzuarbeiten, wofür die Gesellschaft bezahlen muss. Aber es ist Grundlagenforschung, die der Gesamtgesellschaft als Ergebnis zurückgegeben wird. Das ist die Kultur, die wir uns leisten. Es gibt keinen direkten praktischen Nutzen des Higgsteilchens für die Gesellschaft. Es ist ein intellektueller Anspruch, den wir an uns stellen. Wir wollen unsere Natur verstehen und da sind wir jetzt ein Stück weiter gekommen. Das ist eine kulturelle Leistung. Und die leisten wir uns.“

Dr. Matthias Kasemann, ist leitender Wissenschaftler am DESY und arbeitet dort seit 22 Jahren. Vorher war er in Genf und Chicago. Dort gibt es auch einen Teilchenbeschleuniger, das Terratron, das die Ergebnisse auch vorgestellt hat. Das Terratron war ein Beschleuniger, der die letzten 20 Jahre gelaufen ist, jetzt aber abgeschaltet wurde, weil er die Intensität und Energie nicht erreichen konnte, wie sie am LHC erzeugt wird.

2 Kommentare zu „Higgs – Das gottverdammte Teilchen“

  1. WordPress-Administrator

    Willkommen an Bord! Das freut mich ja, dass du da bist :-). Dann denke gern mal dann und wann an die Rubrik „Service“ – „Vorschläge“. Ich erfülle gern die Themenwünsche meiner Leser.

  2. Schön, dass ich an dieser neuen Stelle im Internet gut recherchiertes Hintergrundwissen einheimsen kann. Recht herzlichen Dank!

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